China Teil 2

zurück zur Übersicht

China Teil 2OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Westlich von Kaschgar war ich über die kirgisischen Grenze ins Land gekommen. Am Südrand der Taklamakan entlang führte der Weg über die südliche Seidenstraße und dann über das Qaidam-Plateau gen Osten nach Xining. Von dort verließ ich das Land nach 3573 gefahrenen Kilometern und 45 Tagen via Flugzeug wieder.

An der kirgisch-chinesischen Grenze wollten mich die chinesischen Grenzer zwingen, in ein Taxi zu steigen und damit 140km ins Landesinnere zur eigentlichen Grenzabfertigung zu fahren. Ich hatte im Vorfeld schon davon gehört und mir alles Mögliche überlegt, die Autofahrt zu umgehen. Aber hier half alles Diskutieren nichts, die Leute wollten sich unbedingt an ihre Vorschriften halten, was ich nun schon lange nicht mehr erlebt hatte. Die Grenzer hatten bereits meinen Pass eingezogen, den sie nur einem Taxifahrer geben wollten, der mich zur Grenzabfertigung fahren sollte.

Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich dann damit, den Fahrpreis auf einen Drittel der ursprünglich geforderten Summe herunterzuhandeln und mein Rad so zu zerlegen, dass es in den Kofferraum des Taxis passen und während der Fahrt über gebirgige und buckelige Baustellenpisten nicht herausfallen würde.

Ich hatte immer wieder von Leuten gehört, die nachts beim Zelten von der Polizei gestört und gezwungen worden waren, sich zum nächstgelegenen Ausländerhotel abtransportieren zu lassen. Ein Reisender war sogar als Gast bei einer Uigurenfamilie aufgegriffen und deshalb über Nacht in der Revierzelle eingesperrt worden. Inzwischen hatte man chinaweit auch die maximale Aufenthaltsdauer für Ausländer mit Touristenvisum von drei auf zwei Monate verkürzt, mit der offiziellen Begründung, dass zu viele Ausländer im Lande seien. Zum ersten mal auf der ganzen Reise erfuhr ich, wie sich Ausländerdiskriminierung anfühlt.

Die han-chinesische Obrigkeit war in dieser Provinz alles andere als beliebt, die uigurische Lokalbevölkerung hatte sprachlich, religiös und kulturell deutlich mehr mit den zentralasiatischen Ländern als mit China gemein und mehrmals war es in der Vergangenheit zu Anschlägen auf Polizeistationen gekommen, zum letzten mal im April und Juni diesen Jahres. Die Machthaber reagierten dann wie immer in diesen Situationen mit Intensivierung der Überwachung, massiver Polizeipräsenz und Ausländerparanoja.

Ich hatte dann für meinen Teil beschlossen, mich für die Reise nach Xining entgegen meiner sonstigen Gewohnheit nicht bei Einheimischen einzuquartieren, die verhassten Ausländerhotels zu meiden sowie durchgängig und unsichtbar für die Polizei zu zelten. Letzteres gelang dann auch und ich wurde zumindest nachts kein einziges mal von Polizisten belästigt.

Die Reise führte nun quer durch die Provinz Xinjiang am Fuße der Kunlun-Berge entlang, deren meist über 5000m hohe Gipfel schneebedeckt in den blauen Himmel ragten. Ich fuhr von Flussoase zu Flussoase, in denen größtenteils Uiguren lebten und Landwirtschaft betrieben. Die Straßen waren dann mit Euphrat-Pappeln gesäumt, wohl als Schutz gegen die insbesondere im Frühjahr sehr heftigen Sandstürme. Auf den Straßen verkehrten neben dreirädrigen motorisierten Wagen auch immer zahlreiche Eselskarren. Bei einem Markt, an dem ich vorbei kam, waren riesige Parkplätze für die Eselskarren mit Anbindepflöcken für die Tiere eingerichtet gewesen und ich wähnte mich einmal mehr in einer anderen Welt zu sein.

Sprachlich war ich in der Uiguren-Provinz nahezu vollständig auf Hand- und Fußgymnastik angewiesen, da die Leute die Wörter in meinem Chinesisch-Wörterbuch nicht lesen konnten und chinesisch genau so flüssig sprachen wie ich.

Die Uiguren sind sehr gläubige Muslime. Einige Frauen verdeckten auf der Straße ihr Gesicht vollständig mit einer Art Scheuerhader, den sie sich einfach über den Kopf legten und manchmal meinte ich dann, nicht wirklich in China zu sein. Auf den Märkten gab es überall lecker gewürztes Fladenbrot, Rosinen, Wallnüsse, Weintrauben und Hunderte von Gewürzen, die ich mehrheitlich wohl gar nicht kannte. Die traditionellen Häuser der Leute waren einstöckig, hatten lehmverputzte Wände und ähnelten denen der Usbeken sowie denen der Tadschiken und Afghanen im Wakhan sehr.

Richtung Osten wurden die Siedlungen immer spärlicher und die Wüste dominierte immer stärker. Öfter sah ich Staubteufel, kleinräumige Wirbelwinde, die bei ihrem Auftreten Sandwirbel produzierten, welche sich auch fortbewegen konnten und sogar die Straße überquerten, ohne zu kollabieren. Zweimal geriet ich selber auf dem Fahrrad in einen solchen hinein. Da half dann nur, Augen und Mund zu zu machen und weiterzurollen, bis man wieder draußen war.

Es gab in der Taklamakan sehr starke Winde, die tagsüber meist an Heftigkeit zunahmen und nachts abflauten. Wenn die Wüste gerade sandig war, konnte dann ein hübscher Sandsturm daraus werden, der den Himmel wie Gewitterwolken verdunkelte und die Sichtweite auf 30 Meter reduzierte. Kamelherden, die ich ab und zu sah, schien der umherfliegende Sand nichts auszumachen.

Einmal war der Gegenwind so heftig, dass das Radfahren überhaupt nicht mehr möglich war. Da es aussichtslos war, mittels Schieben zur nächsten Wasserstelle zu kommen, wickelte ich mich zum Schutz vor dem umherfliegenden Sand in meinen Hüttenschlafsack und wartete bis zum Abend, um dann nachts bei weniger starkem Wind weiterzufahren.

Manchmal, wenn die Landschaft extrem eintönig und monoton war, wurde mein Kopf von innen her aktiv. Am Straßenrand gab es Kilometersteine, die die noch verbleibenden Kilometer bis zur nächsten größeren Stadt anzeigten und irgendwann erreichte ich die Jahreszahl 2013 und fuhr von da quasi in die Vergangenheit hinein. Vor meinem inneren Auge flogen Jugend- und Kindheitserinnerungen vorbei, später und am darauffolgenden Tag dann geschichtliche Ereignisse. Der Mauerfall, das Ende des zweiten Weltkriegs, in der Endphase der Weimarer Republik machte ich Mittag und als gerade das deutsche Reich gegründet wurde, kam ich in Qiemo, einer weiteren Flussoase, an.

Als einmal wieder einer dieser heftigen Gegenwindtage war und ich stundenlang in monotoner Umgebung vor mich hinkämpfte, spürte ich irgendwann den Wind und den mir ins Gesicht geblasenen Sand nicht mehr. Selbst das Radfahren an sich nahm ich irgendwann nicht mehr wahr. Stattdessen ertönte in meinem Kopf in voller Präsenz balinesische Gamelanmusik und ich verstand auf einmal das rhythmische Muster eines der Breakelemente, die ein Gamelan-Orchester anlässlich einer Hausreinigungszeremonie, die ich auf Bali gesehen hatte, immer wieder gespielt hatte. Ich hatte nicht einmal gewusst, dass ich in der Lage war, diese Musik überhaupt in irgend einer Form zu reproduzieren. Irgendwie schien ich in eine Art Trancezustand hineingeraten zu sein und das Unterbewusstsein spülte Dinge an die Gedächtnisoberfläche, die ich normalerweise nicht abrufen konnte. So etwas hatte ich bis dato noch nie erlebt.

Über die Astintag-Berge ging es dann durch das Qaidam-Becken zum Qinghai-See. Hier lebten mehrheitlich Tibeter, die hier Yaks und Schafe hielten. Ich umrundete den See mit dem Rad und war mitten in einem chinesischen Touristengebiet gelandet. Überall sah man meist junge Chinesen, die sich ein Rad ausgeliehen hatten und damit um den See fuhren oder trampten, je nach individueller Fitness.

Die einprägsamste Begegnung am See war ein älteres tibetisches Ehepaar, das mit einem Karren aufgebrochen war, um zu Fuß den See zu umrunden. Sie hatten von der Thermoskanne über Plastikhocker bis zur Zeltplane alles dabei, was man so zum Campingurlaub brauch und ein kleines Mädchen, das offensichtlich die Enkelin der beiden war, half mit vollem Körpereinsatz und mit vor lauter Verantwortung verkniffenem Gesicht beim Ziehen des Holzkarrens. Ich war nahezu gerührt und fasziniert zugleich.

Von hier war es dann praktisch nur noch ein Katzensprung nach Xining, wo ich bei einem tschechisch-tibetischen Paar zu Gast war und die Reise ausklingen ließ, bevor ich den Heimflug antrat.

zurück zur Übersicht

 

Mit dem Fahrrad quer durch Europa und Asien