China

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China

Ende Oktober war ich nach der Genesung von meinem Unfall im Iran nach Xining in die Provinz Qinghai geflogen. 82 Tage hatte ich mich in China aufgehalten und war 4720 km mit dem Rad gefahren. Irgendwo im Land hatte ich auch die “magische” 10000km-Marke der Radreise überschritten. Monika war in Chengdu zu mir gestoßen und wir waren im Anschluss zusammen durchs Land pedalt. Südlich von Mengla in Yunnan verließen wir China wieder.

Zunächst hatte mich der Weg über die tibetische Hochebene im rauen winterlichen Gebirgsklima Richtung Jushu und Litang geführt. Kurz hinter der nordwestlichen Provinzgrenze Sichuans hatte mir die Polizei jedoch die Weiterfahrt verwehrt. In Peking tagte gerade der Parteitag und die Obrigkeit hatte aus Angst vor tibetischen Protestaktionen vorsorglich weite Teile Westsichuans für Ausländer gesperrt. Da unklar war, wie lange die Sperrung Bestand haben würde, entschied ich mich, nach Xining zurückzukehren und eine östlichere Route gen Süden zu wählen. Ich fuhr erneut durch winterliches Gebirgsklima zunächst zum Huang He, überquerte diesen, machte einen Abstecher zum Mengda-Naturreservat und fuhr durch den Westen der Provinz Gansu nach Chengdu in Sichuan. Von dort führte die Reise dann zu zweit durch die Subtropen weiter Richtung Süden entlang des Anning He und den Yangtse querend nach Lijiang in der Provinz Yunnan, wo es dann über Dali und Pu’er in die Tropen und zur Grenze nach Laos ging.

Es ist schwer, ein zusammenfassendes Bild vom durchfahrenen Teil Chinas zu zeichnen. Zu verschieden waren die Menschen und Kulturen. Die Reise führte durch die Siedlungsgebiete von Hui, Tibetern, Qiang, Yi, Naxi, Bai, Hani, Yao und Dai. Natürlich gab es vor allem in größeren Städten immer auch jede Menge Han-Chinesen. Viele der Ethnien sprachen ihre eigenen Sprachen.

Die verbale Kommunikationsfähigkeit erreichte in China ihren Tiefpunkt. Als ungeübter Ausländer chinesische Wörter so zu sprechen, dass sie ein Chinese versteht, ist oft unmöglich. Häufig zogen wir das Wörterbuch aus der Tasche und zeigten auf entsprechende Wörter. Aber auch das funktionierte nur, wenn wir jemanden vor uns hatten, der auch chinesisch lesen konnte und dessen Augen noch gut genug waren, die kleinen Schriftzeichen im Wörterbuch zu entziffern. Manche Leute versuchten, Sätze aufzuschreiben, wenn wir sie gesprochen nicht verstanden. Dann mussten wir ihnen irgendwie erklären, dass wir auch der chinesischen Schrift nicht mächtig sind.

Bei Fragen nach Dingen, Dienstleistungen oder Einrichtungen bekamen wir vor allem von Han-Chinesen häufig als erste Antwort „meju“ zu hören, was soviel heißt wie “gibt es hier nicht”, “haben wir nicht”. Häufig ist das eine Schutzbehauptung, mit der man verhindern will, Eigeninitiative zu zeigen, arbeiten zu müssen oder mit einem Ausländer umgehen zu müssen, der kein oder kaum chinesisch spricht. Hartnäckigkeit, mehrmaliges Wiederholen des Anliegens und/oder ein anderer Chinese, der einen spontan in seinem Anliegen unterstützte, halfen in diesen Situationen meist weiter.

Viele Leute waren freundlich und hilfsbereit und versuchten trotz Sprachbarrieren irgendwie zu helfen. Auffällig war der verkrampfte Umgang des Staates mit dem Thema Internet. Wenn man Internetcafes nutzen will, wird man mittels Personalausweis registriert und alle besuchten Seiten werden personenbezogen mitgeloggt. Als Ausländer bekommt man zumindest offiziell gar keinen Zutritt, da man über keinen chinesischen Personalausweis verfügt. Manche Internetseiten waren gesperrt, bei anderen war die Übertragungsgeschwindigkeit so stark reduziert, dass sie praktisch nicht mehr nutzbar waren. Wir fanden allerdings immer einen Weg, die für uns relevanten Seiten zu nutzen.

Die Fußböden der Han-Chinesen hatten häufig eine Art Mülleimerfunktion. Es wurde darauf ausgespuckt, Speisereste wurden einfach auf den Boden geworfen, Getränkereste darauf ausgeschüttet und irgendwann wurde einfach zusammengekehrt. Allgemein schien den Leuten eine Angst vor Knappheit jeder Art innezuwohnen und es wurde intensiv gedrängelt und geschubst, wenn immer es galt, sich unter vielen Leuten eine wie auch immer geartete Ressource zu teilen. So manche groteske Szene ist uns diesbezüglich in Erinnerung geblieben. Auf der anderen Seite gab es auch viele Regeln vor allem im öffentlichen Raum, deren penible Einhaltung erwartet wurde. Insofern fühlten wir uns teils wie in Deutschland. Schön war, dass öffentlicher Raum intensiv genutzt wird, sei es zum gemeinsamen Singen, Musizieren, Tanzen, Turnen, Spazieren, Joggen oder für Tai Chi.

Im ganzen Land sichtbar war der Bauboom – häufig wurde neben einer alten Stadt einfach eine neue, größere Stadt komplett neu errichtet. Immer wurden mehrere Häuserblocks gleichzeitig gebaut. Die Straßen wurden in einer Geschwindigkeit ausgebaut, dass sämtliche verfügbaren Karten nicht auf dem aktuellen Stand waren. An manchen Stellen sah man drei Generationen von Straßen parallel verlaufen – die alte, kurvige und enge Dorfstraße, daneben eine Art Landstrasse und wieder daneben eine mehrspurige Schnellstrasse, die allesamt die gleichen Orte miteinander verbanden.

Die hohe Bevölkerungsdichte war abgesehen von den tibetischen Regionen überall spürbar, insbesondere, wenn es darum ging, einen Zeltplatz für die Nacht zu finden. Nahezu jeder horizontale Flecken Erde war entweder besiedelt oder wurde landwirtschaftlich genutzt. Brachliegende Flächen oder wildwachsenden Wald gab es nur selten. Die Chinesen und die meisten Minderheiten sind teils religiös, teils nicht religiös. Interessanterweise werden seit ein paar Jahren die alten chinesischen Religionen seitens der Regierung wiederbelebt, überall im Land werden in Zeiten der Kulturrevolution zerstörte konfuzianische, taoistische und orthodox-buddhistische Tempel wiedererrichtet oder restauriert. Wir sind an vielen dieser nagelneuen Tempel vorbeigekommen und in der Regel wird aus der jüngeren Geschichte dieser Tempel keinerlei Hehl gemacht. Ganz im Süden des Landes hatte die Volksgruppe der Dai theravadabuddhistische Tempel.

Am stärksten unterscheidet sich die tibetische Region von denen der anderen Ethnien, deren Siedlungsgebiete wir durchquerten. Es herrschte hier meist massive Polizeipräsenz, ich wurde ungezählte Male kontrolliert und manchmal kam ein wenig Gazastreifenatmosphäre auf. Die Tibeter waren meist sehr religiös. Es gab unzählige Tempel und Klöster, die auch intensiv genutzt wurden. Die tibetische Form des Buddhismus, auch Lamaismus genannt, ist stark durch die Bon-Religion beeinflusst, die im tibetischen Kulturraum vor der Verbreitung des Buddhismus dominant war. Innerhalb des tibetischen Buddhismus gibt es wiederum mehrere Schulen, die sich inhaltlich etwas unterscheiden und sich in der Vergangenheit teils auch gegenseitig bekämpft haben. Auf meinem Weg kreuzte ich größtenteils Klöster der Gelugpa- bzw. Gelbhutsekte, ein paar wenige Karmapa- bzw. Rothutklöster kamen auch vor.

Die Tibeter zwischen Chabcha und Jushu hielten vor allem Yaks und waren teils nomadisch, teils sesshaft. Zwischen Hezuo in Gansu und Songpan in Sichuan hielten die Leute neben Yaks auch Schafe, ein paar Schweine und Ziegen und es war etwas Ackerbau möglich. Die Tibeter waren stets sehr sanftmütig, warmherzig und freundlich, benutzten neben ihrer eigenen Sprache auch ihre eigene Schrift und trugen mehrheitlich traditionelle Kleidung, die jeweils regionale Variationen aufwies. Die meisten getroffenen Leute konnten kein chinesisch lesen. Als ich irgendwann die wichtigsten Begriffe auf tibetisch gelernt hatte und ein tibetisch-chinesisch-englisches Bilderwörterbuch geschenkt bekam, wurde die Verständigung etwas einfacher. Allerdings musste ich jeweils nach ein paar überquerten Pässen die Aussprache der mühselig gelernten Wörter und Phrasen umstellen, da regional sehr verschiedene Dialekte gesprochen werden. Auffällig war das langsame Zeitgefühl dieser Menschen. Die Leute bewegten sich meist langsam und wirkten nie gehetzt. Es kam häufig vor, dass ein oder mehrere Leute sich zu mir stellten, lächelten oder ins Leere schauten und so mehr oder weniger regungslos verharrten, bis ich den Ort verließ.

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Mit dem Fahrrad quer durch Europa und Asien