Indonesien

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Indonesien

Fast drei Monate verbrachte ich in Indonesien und legte während dieser Zeit 4300km mit dem Rad zurück. Mit einer Fähre war ich von Malaysia nach Dumai auf Sumatra gekommen. Von dort fuhr ich über Java nach Bali, von Insel zu Insel jeweils mit einer Fähre übersetzend. In Denpasar auf Bali bestieg ich einen Flieger, um zwecks Organisation der Weiterreise zurück nach Jakarta zu kommen.

In Indonesien wollte dieses Jahr die Regenzeit nicht weichen. Selbst Anfang Juli war es noch regnerisch und die zeitliche Abweichung vom üblichen Trocken- und Regenzeitzyklus war um ein Vielfaches höher als die üblichen Schwankungen. Vielfach hörte ich, dass seit ungefähr zwei Jahren der normale Wetterzyklus gestört und das Wetter seit dem kaum noch vorhersagbar ist.

Das lange Radfahren in den Tropen mit der hohen Luftfeuchtigkeit begann sich auf die Ausrüstung auszuwirken. Vom Schlüsselring über das Werkzeug bis zum USB-Stecker rostete mittlerweile alles, was irgendwie zum Rosten in der Lage war, die Wanderschuhe und ein Ledergürtel begannen zu schimmeln, mein Fahrradcomputer gab irgendwann den Geist auf und das Handy, das ich jeden Tag zum Tagebuchschreiben benutzte, funktionierte häufig nur noch morgens nach dem Aufstehen. Mal wieder war ich froh, dass ich in Sachen Orientierung ausschließlich auf nichtelektronische Hilfsmittel gesetzt hatte.

Indonesien ist mehrheitlich muslimisch und es gibt ein paar Kirchen. Auf Bali sowie in ein paar unzugänglichen Gegenden Sumatras und Javas leben auch Hindus. Der Islam wird auf Indonesien in einer gemäßigten Form praktiziert und es gibt auch regionale vorislamische Bräuche, die noch erhalten sind.

Als Radreisendem fiel mir landesweit die Tendenz der Autos auf, entweder stark zu rußen oder unverbrannte Kohlenwasserstoffe auszuhusten. Das hatte es bereits in vielen Ländern gegeben, aber hier war es am stärksten zu beobachten. Die Fahrweise in Indonesien war gewöhnungsbedürftig und von allen Ländern, die ich bisher bereiste, für europäische Begriffe am chaotischsten. In keinem anderen Land hatte ich es bisher erlebt, dass an einer Hauptstraßenkreuzung mit Ampelanlage der zusätzlich vorhandene Verkehrspolizist einen bei rot durchfahrenden Verkehrsteilnehmer auch noch diensteifrig durchwinkt. Bisher hatten die Polizisten in diesen Fällen meist milde lächelnd weggeschaut.

Insbesondere auf Java wurde jedes bisschen Luft zwischen zwei Stoßstangen oder Motorrädern genutzt, um sich selber noch dazwischen zu quetschen. Um hier nicht permanent ausgebremst oder zum Anhalten gezwungen zu werden, musste man oft selber ziemlich aggressiv fahren. Diesen Java-Fahrstil musste ich mir in Bali dann wieder abgewöhnen, da man die hier etwas entspannter fahrenden Leute damit vor den Kopf stieß.

Die Indonesier sind Meister im Bau von supersteilen Straßen. Vor allem auf Sumatra waren manche Steigungen nahe der 20 Prozent und ich war dann zum Schieben gezwungen. An einer Stelle kamen selbst die LKWs nicht mehr hoch und sie mussten jeweils von einem leeren LKW am Abschleppseil hochgezogen werden.

Auf Sumatra machten die Leute einen recht wilden Eindruck. Kaum jemand, der nicht hupte, winkte, grüßte oder schrie, wenn ich vorbeifuhr oder überholt wurde. Die Leute, die zwei Worte englisch konnten, grüßten schreiend mit Hello Mister, die Leute, die nur ein Wort Englisch konnten, mit Mister bzw. Mistääähr und diejenigen, die nur ein halbes Wort englisch konnten, mit Stääähr. Manche Leute hatten eine Art postkoloniale Macke kultiviert und redeten mich mit Sir oder Boss an.

Ich sah vor allem auf Sumatra verschiedene Affenarten und es war ein Vergnügen, sie in ihrer natürlichen Umwelt zu beobachten. Es gab Siamang Gibbons, deren Männchen eine Art Indianergeheul veranstalteten und deren Weibchen beinahe gesangsartige Laute von sich gaben. Graue Haubenlanguren, Sumatralanguren und Javaneraffen turnten in den Bäumen herum. Fledermäuse mit Flügelspannweiten um die 60 Zentimeter oder mehr flogen mit gemächlichem Flügelschlag wie große Vögel dahin. Bunte und zum Teil sehr große Schmetterlinge waren um mich herum geschwirrt. Im Bukit Barisan Selatan Nationalpark sah ich ein paar Exemplare der Riesenraflesie, einer Blume, die als eine der größten weltweit gilt. Der Blütendurchmesser erreicht 70cm und die Knospen sind handballgroß. Die Blüte verbreitet eine Art Aasgeruch, um Insekten anzulocken.

Vielerorts auf Sumatra gab es Palmölplantagen, die vor allem dort angelegt worden waren, wo es früher einmal Tieflandregenwald gegeben hatte. Schätzungen zufolge wird der Großteil des bis dato noch verbliebenen Regenwaldes auf Sumatra in 12 Jahren abgeholzt sein, ein Schicksal, dass sich die Insel im Übrigen mit Malaysia teilt.

Vor allem in den entlegeneren Gegenden löste ich mit meiner Anwesenheit kleine Ausnahmezustände aus. Männer starrten oder riefen etwas, Mädchen kreischten, Leute sprangen mit einem Handy herbei und wollten mit mir Fotos machen. Wenn ich abends irgendwo zum Übernachten abstieg, war ich alsbald von zahlreichen Leuten umringt, die mich wie einen Marsmenschen anschauten. Frauen jeglichen Alters und Familienstands hatten einen Narren an meiner langen europäischen Nase gefressen und ab und an wurde mir ein Dorfmädchen zur Heirat angeboten.

Auf Java fuhr ich nach Jakarta und dann zum Borobudur-Tempel bei Yogyiakarta, der die größte buddhistische Tempelanlage des Landes darstellt und zu Kolonialzeiten von den Holländern rekonstruiert bzw. wieder aufgebaut wurde. Ich war da, als gerade das Vesak-Fest begangen wurde. Das ist der höchste buddhistische Feiertag, an dem der Geburt, der Erleuchtung und des Tods des Religionsstifters Gautama Buddha gedacht wird. Es waren buddhistische Mönche aus aller Herren Länder anwesend, auch eine Gruppe tibetischer Mönche war zu sehen.

Ich bezwang mit dem Rad das Bergmassiv des Mt. Bromo, spazierte auf dem Kraterrand des gemütlich vor sich hin dampfenden Vulkans herum und fuhr zum Kawa-Ijen, einem auf rund 2400 hm gelegenen See in einem dampfenden Vulkankrater. Der See gilt als der größte Säuresee der Erde, in dem pH-Werte zwischen 0,3 und 3 gemessen wurden. An dessen Rand wird inmitten von Schwefeldämpfen unter unglaublich ungesunden Bedingungen Schwefel abgebaut und in Tragekörben zu Tale befördert.

Dann setzte ich nach Bali über. Bali ist hinduistisch, weist eine völlig eigenständige Kultur auf und es galt für mich erst einmal, einen kleinen Kulturschock zu verdauen und die neuen Benimmregeln zu verinnerlichen. Bali hatte einen sehr ländlichen Charakter und es gab deutlich weniger Verkehr als auf Java. Die balinesische Bevölkerung ist sehr religiös, jedes Dorf hat einen Tempel, nahezu jedes Haus seinen Haustempel, in den täglich Opfergaben gebracht werden. Die Leute begehen regelmäßig diverse Rituale und Zeremonien, um die Götter bei Laune zu halten und an ihrem Karma zu arbeiten.

Auf vielen dieser Zeremonien wurde Gamelan gespielt. Diese Musik hatte es mir so sehr angetan, dass ich mich zumindest musikalisch am Ziel meiner Reise wähnte, obwohl ich nicht aufgebrochen war, um irgend etwas zu suchen. Ich musste plötzlich an die javanesischen Islamistikstudenten denken, die ich am Kawa Ijen getroffen hatte und die mir gewünscht hatten, dass ich auf meiner Reise finden möge, was ich suche. Ich hatte ihnen gesagt, dass ich ja gar nichts suche, sondern einfach nur reise, aber nun hatten sie irgendwie recht behalten. Von Denpasar flog ich dann, überfüllt mit zahlreichen Eindrücken, zurück nach Jakarta, um dort die Formalitäten für den nun letzten Teil der Reise in Zentralasien zu erledigen.

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Mit dem Fahrrad quer durch Europa und Asien