Iran

zurück zur Übersicht

Iran

14 Tage radelte ich durch das Land und legte in dieser Zeit 1042 km zurück. In Āstārā kam ich aus Aserbaidschan kommend in den Iran und fuhr entlang des Kaspischen Meeres und des Alborz-Gebirges gen Osten.

Die Landschaft war am Kaspischen Meer recht grün. Nach dem Durchqueren des Golestan-Nationalparks wurde es dann zunehmend trockener und wüstenhafter. Wärmer als 35°C im Schatten war es nie und damit dank mittlerweile recht guter Akklimatisation recht erträglich. Der Straßenbelag war nach den Rumpelpisten in Aserbaidschan überall erstaunlich gut in Schuss, an vielen Kreuzungen gab es Kreisverkehr. Die Fahrweise der Autofahrer war recht anarchisch, Blinklichter und Rückspiegel wurden in der Regel nicht benutzt, zwanzig Prozent der Verkehrsteilnehmer ignorieren grundsätzlich rote Ampeln. Immerhin wurde auf Überlandstraßen recht häufig geblitzt. Diese Aktionen laufen als Teil einer Kampagne zur Senkung der horrenden Zahl von Unfalltoten auf den Straßen des Landes.

Da ich während des Fastenmonats Ramadan unterwegs war, durfte im öffentlichen Raum zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang nicht gegessen und getrunken werden, die meisten Restaurants hatten zudem geschlossen. In der Praxis war das jedoch weitaus unproblematischer als gedacht. Für Reisende gelten bezüglich des Fastens grundsätzlich Ausnahmeregelungen und von Nichtmuslimen wird lediglich erwartet, keinen Anstoß zu erregen. In vielen Läden, in denen ich einkaufte, wurde mir sogleich ein Platz zum Essen und Trinken angeboten. Teilweise luden mich Leute auf der Straße ein, in ihrem Büro oder Haus zu essen und zu trinken. Es passierte auch, dass ich tagsüber von Leuten bekocht wurde, die selber fasteten und es gab auch Leute, die dem Fastengebot selber nicht folgten.

Von vielen Leuten wurde ich gefragt, was ich vom Iran bzw. den Iranern halte und was mein Bild vom Land vor dem Antritt meiner Reise gewesen war. Die Iraner wähnen sich einer intensiven US-amerikanischen Negativpropaganda ausgesetzt und sich aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit kollektiv als Terroristen abgestempelt, was sie wiederum wütend und traurig macht. Ich sah mich immer wieder genötigt zu sagen, dass das, was in irgend welchen US-regierungsnahen TV-Kanälen oder rückreflektierend von den iranischen Staatsmedien verbreitet wird, nicht unbedingt das ist, was man im politisch einigermaßen gebildeten Westeuropa denkt. Mit den Leuten, die ich besser kannte, entspannen sich dann oft ernste bis bedrückende Diskussionen über Gesellschaftssysteme, Massenmedien, Revolutionen, Herrscherpsyche, Machtmissbrauch und Methoden der Massenmanipulation.

Die meisten Menschen im Iran, mit denen ich in Kontakt kam, waren unglaublich hilfsbereit, gastfreundlich und zeigten eine Herzenswärme, die mich manchmal fast bis zu den Tränen rührte. Das Prinzip der Gastfreundschaft ist hier moralische Pflicht und auch in der Religion verankert. Spontane Übernachtungsangebote, Leute, die mir ihr Handy ans Ohr hielten, an dem sich ein englisch sprechender Bekannter oder Verwandter des Handybesitzers erkundigte, ob er mir irgendwie helfen kann und Menschen, die spontan ihr Essen mit mir teilten, wenn ich aufkreuzte, sollten von nun an zum Reisealltag gehören.

Aufgrund der Gastfreundschaft der Leute, die für westeuropäische Begriffe nicht ganz von dieser Welt war, hatte ich im Iran nur zweimal Gelegenheit zum Zelten. An allen anderen Tagen war ich von Leuten aufgenommen worden. Einmal wurde ich Mittags zum Essen eingeladen und der Gastgeber wollte mich unbedingt über Nacht dabehalten. Als ich meinte, ich müsste heute noch ca. 80km fahren, bot er mir an, mich abends von dort mit dem Auto abzuholen und mich wieder zurück zu seinem Haus zu fahren. Am nächsten Morgen wollte er mich dann wieder zurück zum Abholpunkt bringen. Er ließ mich erst gehen, als ich ihm hoch und heilig versprach, dass ich mich melden würde, sollte es unterwegs irgend welche Probleme geben und ich keine Übernachtungsmöglichkeit finden.

Musikalisch war im Iran etwas weniger geboten als in manch anderen Ländern. Musik genießt im Land allgemein keinen sehr hohen Stellenwert und wird von der Regierung in der Regel nicht gefördert. Während des Ramadans wird grundsätzlich kaum musiziert. In Maschhad etwa, der schiitischen Pilgerstadt, ist die Aufführung von Konzerten in einem Umkreis von 150km um die Stadt ganzjährig vollständig untersagt. Viele Musikgenres sind offiziell verboten und können nur im Untergrund existieren. Frauen ist das öffentliche Singen grundsätzlich nicht erlaubt.

Trotzdem konnte ich einiges sehen und hören. In den Regionen Māzānderan und Khorāsān recht weit verbreitet ist ein gitarrenartiges Seiteninstrument namens Dotar, das Stege am Hals entsprechend der Tonabstände und zwei Seiten aufweist. Ebenfalls weit verbreitet ist ein vierseitiges Streichinstrument namens Kemanche, das der türkischen Kemençe ähnelt.

In einem kleinen Ort namens Nour stellte ich mein Rad bei einer Familie unter und fuhr mit dem Bus ins nahe gelegene Polur, von wo ich den Damavand bestieg, einen 5671m hohen Vulkan inmitten des Alborz-Gebirges. Der Vulkan ist zwar per Definition erloschen, aber am Gipfel gibt es Löcher und Spalten, aus denen zischend, grummelnd und fauchend Wasserdampf und Schwefel entweicht.

Im Anschluss fuhr ich am Kaspischen Meer weiter gen Osten, wo mich zwei Tagesreisen von der Pilgerstadt Mashhad entfernt ein Pkw anfuhr. Das war genauso überflüssig wie ärgerlich, da eine Weiterreise nun erst mal nicht möglich war. Ich kam zunächst ins nahe gelegene Krankenhaus, wo ich dann eine reichliche Woche blieb. Dort war ich die Attraktion schlechthin und von einer Gruppe Krankenschwester-Azubis bis hin zu ein paar Repräsentanten der Kreisverwaltung kamen mich alle möglichen Leute besuchen. Hier lernte ich auch ein Ehepaar kennen, das mir unglaublich viel Hilfe zu Teil werden ließ und so etwas wie meine Pflegeeltern wurde. Die Beiden übersetzten für mich, vertrieben mir die Langeweile und erledigten für mich Behördengänge. Sie schafften es auch, innerhalb einer Woche Schmerzensgeld von der Versicherung des Fahrers zur Auszahlung zu bringen, ein Vorgang, der normalerweise ein halbes Jahr dauert.

Da sich der behandelnde Arzt irgendwann als gefährlich inkompetent erwies, verließ ich das Krankenhaus und ließ mich in Mashhad weiterbehandeln. Dort verbrachte ich zwei Wochen mit intensiver Physiotherapie und Sightseeing, bevor ich schweren Herzens nach Deutschland zurück flog, um mich vollständig auszukurieren.

zurück zur Übersicht

Mit dem Fahrrad quer durch Europa und Asien