Malaysia

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Malaysia

19 Tage hielt ich mich in Malaysia auf und fuhr in der Zeit 882km weit. Ich war nahe der Westküste von Thailand aus ins Land gekommen, fuhr nach Penang und anschließend nach Kuala Lumpur. Von dort fuhr ich weiter nach Malakka, von wo ich dann mit der Fähre nach Sumatra in Indonesien übersetzen wollte.

Malaysia war das multikulturellste Land, das ich auf der Reise bisher gesehen hatte. Es gab neben den Malaien vor allem Chinesen und Inder. Auf der Insel Penang und in der Hauptstadt stellten die Chinesen sogar die Bevölkerungsmehrheit. Auch Ureinwohner gibt es, sie werden Orang Asli genannt, untergliedern sich aber in zahlreiche, kulturell und dem Aussehen nach verschiedene Stämme und besiedelten die Halbinsel schon lange bevor die Malaien hier Fuß fassten. Eine kleine Minderheit der Ureinwohner durchstreift heute noch als Jäger und Sammler mit dem Blasrohr den noch vorhandenen Regenwald und lehnt jede Form der Sesshaftmachung als Mobilitäts- und Freiheitseinschränkung ab. Nachfahren der einstigen Kolonialherren sah ich keine, allerdings sieht man vielerorts Uhrtürme und Häuser im Kolonialstil herumstehen.

Malaysia ist das Kaufhaus der Weltreligionen schlechthin, da jede Volksgruppe im Land auch ihrer eigenen Religion nachgeht. Die Ureinwohner sind teils Animisten, teils Muslime, die Malaien durchgängig Muslime und die Inder Hindus, die Tamilen unter ihnen jedoch meist Christen. Die Chinesen, die meist seit über zwei Generationen im Land leben, haben sich chinesische Tempel gebaut. Auch ein paar Sikhs, baptistische Kirchen und einen buddhistischen Thai-Tempel sah ich. Die Malaien mit ihren zahlreichen Moscheen dominieren das Bild.

Praktisch überall im Land wurden die Straßen von Fahnen gesäumt. Es herrschte gerade Wahlkampf und die Parteien stellten überall ihre Fahnen auf. Visuelle Dominanz anstelle verfänglicher Plakat-Parolen war hier das Motto.

Insgesamt waren die Malaien recht unauffällige Leute, die Frauen trugen meist Kopftuch und auf den Dörfern sah man wie schon in Südthailand einige Männer mit dem traditionellen Rock. Einmal übernachtete ich auf dem Dorf bei einer malaiischen Familie und bekam auch einen entsprechenden Rock verpasst. Da ich es irgendwie nicht schaffte, ihn richtig zu knoten, rutschte er mir zur Belustigung meiner Gastgeber ständig herunter.

Am häufigsten hatte ich Kontakt zu den hier seit mehreren Generationen lebenden Chinesen, sei es, weil sie mich am häufigsten ansprachen, selber Radsportler waren oder weil sie häufig Straßenküchen betreiben. Wenn es irgendwo einen Arzt gab, war dieser meist auch ein Chinese. Die Chinesen sprechen hier häufig mehrere Sprachen, Malaiisch und Chinesisch lernen sie in der meist chinesischen Schule und englisch können sie so oder so meist. Weil die Chinesen hier so gut englisch können und weil es in Malaysia keine Kulturrevolution gab, habe ich hier über die chinesische Kultur beinahe mehr als in China selbst gelernt.

Auch Malaien und Inder leben zumindest zweisprachig, denn wenn sich die verschiedenen Volksgruppen miteinander unterhalten, tun sie das meist auf englisch, zum Missfallen der Regierung, die versucht, malaiisch als Hauptsprache durchzusetzen.

Ich wohnte einmal einer katholischen Messe der Tamilen bei, bei der nur die Hälfte der Anwesenden in die Kirche reinpasste. Es gab deshalb direkt neben der Kirche eine Art Bierzelt, in der der Rest der Leute vor einer Leinwand saß. Die Messe selbst war recht futuristisch, der Priester mit seinem „Gefolge“ zog zu elektronischen Pop-Beats in die Kirche ein und alles, was die Gemeinde zu singen hatte, wurde als Powerpointpräsentation mit Laserbeamer auf große Leinwände projiziert.

Ich sah zahlreiche Hindutempel, die teils von Malaien, meist aber von Indern bevölkert wurden. Da die Inder wie die Thais auch Mitte April den Jahreswechsel feiern, bekam ich ab und an mal wieder ein gutes neues Jahr gewünscht – nun schon zum dritten mal auf der Reise. In einem Hindutempel, der Sri Mariamman gewidmet war, wohnte ich einer Neujahrszeremonie bei, bei der auch klassische indische Musik gespielt wurde. Die beiden Musikanten spielten Nadaswaram, eine Art Schalmei und Thavil, eine Trommel, die, quer liegend und beidseitig mit Fell bespannt, links mit den Fingern und rechts mit einem Stock gespielt wurde. Die Musik hatte eine recht starke Dynamik, war rhythmisch raffiniert, der Trommler virtuos und ich war begeistert.

In Kuala Lumpur brach einmal ein unglaublicher Sturzregen mit Gewitter los. Sintflutartige Szenen spielten sich ab. Riesenstaus, reißende Sturzbäche, die sich die Straße entlang ergossen, Autos, die im tiefen Wasser stecken blieben und ich auf dem Fahrrad mittendrin. Ich sah, wie ein Pkw im tiefen Wasser stecken blieb und als die Leute die Türen aufmachten und heraus kamen, wurde das Wageninnere geflutet. An manchen Stellen war die Wasserströmung so stark, dass ich schon aufpassen musste, beim Fahrradtragen nicht umzukippen. Äste und Absperrungen kamen die Straße herunter geschwommen und das Ganze hätte eine prima Filmkulisse für einen dieser Hollywood-Weltuntergangsfilmchen abgegeben.

In Malakka traf ich ein paar Iraner, die hier studierten und zwei davon, Arash und Amir, waren auch Musiker. Amir war ein Perkussionist, der Daf spielte und Arash war ein Setarspieler. Sie gaben mir einen Daf-Crashkurs, wir versuchten uns mit Djembes an einem Crossover aus persischer und westafrikanischer Perkussion und sie spielten mir ein paar Sachen aus ihrem Repertoire vor. Die beiden waren wirklich fit und spielten alle noch so verzwickten Abläufe aus dem Kopf herunter. Ich bekam noch einen Einstieg in die iranische klassische Musiktheorie verpasst und erfuhr unter anderem, dass es aufgrund der verwendeten Vierteltonabstände sieben verschiedene Tonleitern gibt.

Immer wieder sah ich in Malaysia seltsame bunkerartige Hochhäuser herumstehen, die statt Fenstern nur kleine Löcher in der Wand hatten und aus denen meist ohrenbetäubender Vogellärm drang. Hin und wieder hatte ich das schon in Thailand gesehen, aber erst hier bekam ich heraus, was es damit auf sich hat. Diese Häuser ziehen Salanganen,  schwalbenartig aussehende Vögel zum Nisten an. Die Nester, bestehend aus zähem Schleim, der aus den Speicheldrüsen der Vögel stammt, werden dann eingesammelt und als Medizin an die Chinesen verkauft, die sich davon Gesundheit und einen jungbleibenden Körper versprechen. Da sie für die Nester bereit sind, viel Geld zu zahlen, ist das Geschäft mit den Vogelnestern und „Nestfabriken“ recht lukrativ.

Landschaftlich herrschte in Malaysia Flachland vor, das mitunter etwas hügelig war. Ortschaften, Palmölplantagen und Reisfelder wechselten einander ab, durch Regenwald kam ich nur selten. Ich sah unterwegs einige Warane, die entweder vor mir davon rannten, auf einem Weg herumstanden oder lagen oder im Wassergraben neben der Straße schwammen. Über Malakka sah ich ein paar Seeadler kreisen. Das Wetter war wie schon in Thailand sehr heiß und das Radfahren entsprechend hart. Die ortsansässigen Leute meinten, dass das Ausmaß der Hitze extrem und sehr ungewöhnlich wäre. Abends gab es aber öfter Regen und Gewitter mit entsprechender Abkühlung und dadurch ließ es sich insgesamt noch ganz gut aushalten.

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Mit dem Fahrrad quer durch Europa und Asien