Tadschikistan

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24 Tage hielt ich mich in Tadschikistan auf und legte in der Zeit 1360km zurück. Südwestlich von Duschanbe war ich ins Land gekommen und nördlich des Karakul-Sees hatte ich es an der Grenze zu Kirgisien wieder verlassen.

In Duschanbe hatte ich Peter kennengelernt, einen Deutschen, der ebenfalls mit dem Rad unterwegs war. Wir fuhren die folgende Woche gemeinsam weiter nach Khorog und bildeten bald so etwas wie eine Ausrüstungs-Bedarfsgemeinschaft. Mein Kocher funktionierte gerade nicht, also benutzten wir seinen. Dafür hatte ich einen Wasserfilter an Bord, den wir aufgrund der Durchfalllastigkeit der Region ständig verwendeten. Schließlich bekam ich mit Peters Pfeifenreiniger meinen Kocher wieder flott und mit zwei Töpfen und Kochern taten sich ungeahnte Freiheitsgrade der Essenszubereitung auf.

Kurz vor Kaleikhum war ein LKW mitsamt Brücke in den Fluss gestürzt und ein paar Leute waren mit Hilfe eines Krans damit beschäftigt, die Ladung zu bergen. Als wir dort aufkreuzten, versuchten die Leute, uns und unsere Räder mit Hilfe des Krans auf die andere Seite zu befördern. Der Kranarm war zu kurz und es blieb uns nichts anderes übrig, als über die Brückentrümmer, die noch aus dem Wasser ragten, auf die andere Seite zu klettern und Räder sowie Gepäck auf die gleiche Weise nach drüben zu befördern. Die Arbeiter halfen uns dabei und ich wischte mir den ein oder anderen Schweißtropfen von der Stirn, als schließlich alles drüben angekommen war, ohne auf Nimmerwiedersehen im Fluss zu verschwinden.

Ab Kaleikhum führte der Weg am Panjfluss entlang nach Khorog. Der Fluss markiert die Grenze zu Afghanistan und wir schauten mehrere Tage über den Fluss in ein Land hinein, das ganz schön anders als Tadschikistan zu sein schien. Auf unserer Seite herrschte postsowjetisches Flair mit brüchiger oder erodierter Asphaltstraße und Bushaltestellen, auf denen als Mosaik Friedenstauben und Hände, die den Erdball hielten, dargestellt waren. Ab und zu rumpelte ein LKW über die holprige, manchmal ziemlich schmale und ausgesetzte Straße. Auf der anderen Flussseite schien Mittelalter zu herrschen.

Es gab dort Lehmhüttendörfer, Eselskaravanen auf Pfaden, die teilweise direkt in den Fels gebaut waren und Felder, die in schwindelerregender Höhe in supersteile Hänge hinein angelegt waren. Das Flusstal war streckenweise sehr einsam, sehr tief eingeschnitten mit steilen Felswänden, so dass manchmal kaum ein Sonnenstrahl zum Talboden drang. Wenn dann der Wind noch nebelartige Sandwolken hindurch blies, steigerte das noch das Maß der Surrealität und wir wähnten uns in einer Parallelwelt zu sein.

Die traditionellen Häuser der Pamirregion waren aus Lehm gebaut und innen hingen Teppiche an den holzverkleideten Wänden. Wie in anderen muslimischen Ländern saß man meist im Schneidersitz auf dem Boden, der ebenfalls mit Teppich ausgelegt war. Das Innere dieser traditionellen Häuser war voll von zoroastrischer Symbolik, die nach Verbreitung des ismailitischen Islams teilweise zu muslimischen Symbolen umgedeutet worden war. Moscheen gab es in der gesamten Pamirregion kaum. Es wurde entweder zu Hause oder zu besonderen Anlässen in Argali-Tempeln gebetet.

In Khorog trennten sich Peters und meine Wege. Ich fuhr weiter entlang des Wakhankorridors nach Murgab. Der Korridor war Anfang des 20. Jahrhunderts als Pufferzone zwischen den Großmächten Russland und England angelegt und zu einem Teil Afghanistans erklärt worden. Das weite Tal, durch das der Weg führte und durch das seinerzeit bereits Marco Polo gezogen war, wurde auf der afghanischen Seite durch den Hindukusch, auf der tadschikischen Seite durch das Pamirgebirge begrenzt. Der Weg war größtenteils eine unasphaltierte Rüttelpiste und ich musste die Vorderradtaschen zusätzlich mit Schnüren am Träger fixieren, damit sie beim Fahren nicht in hohem Bogen davon flogen.

Es gab im Wakhan viele Dörfer und ein paar Burgruinen, deren älteste aus dem Jahr 2000 v.Chr. stammte. Und dazu natürlich jede Menge Bergpanorama. Über einen Pass ging es dann nach Norden in das östliche Pamir hinein. Hier liegt das Siedlungsgebiet ethnischer Kirgisen und ich sah immer wieder Hirten, Jurten und Tierherden. Der weitere Weg führte auf dem Pamir-Highway, den die Sowjets im Jahre 1934 angelegt hatten, zum Karakulsee und zur kirgisischen Grenze.

Die Landschaft war im gesamten Pamir meist wüstenartig trocken gewesen, trotzdem gab es einige Flüsse, die in den Tälern zur Feldbewässerung genutzt wurden. Die Bergspitzen waren mit Schnee oder Gletschern bedeckt und diese Mischung aus Wildnis, Wüste und Schnee war schon ziemlich faszinierend. Ich sah zahlreiche Wiedehopfe, manchmal Blauracken und manchmal flog ein Adler oder Gänsegeier an mir vorbei. Es gab auch Langschwanzmurmeltiere, die als Warnruf einen trillerpfeifenartigen Ton von sich gaben, so dass ich zunächst dachte, dass hier irgend ein strafversetzter Polizist in der Einöde Dienst schieben muss. Auf 3000m Höhe sah ich in einem afghanischen Seitental sogar freilebende baktrische Kamele.

Die Kirgisen wohnten häufig mobil, das heißt, in einer Jurte oder einer Hütte, die im Sommer bei den Tieren auf der Weide stand, im Winterhalbjahr wieder abgebaut und im Winterdomizil aufgebaut wurde. Die Jurten waren schön anzusehen und sehr gemütlich, außen mit Schafsfell verkleidet und mit aus Yakhaar geflochtenen Schnüren festgezurrt. Innen sah man das rotgefärbte Holzgestell, das der Jurte die Form gab. Teppiche und Vorhänge waren aus gefärbten Schafs- und Yakhaaren geknüpft. In der Mitte stand immer ein Ofen, der mit getrockneten Yak- oder Argun-Fladen gefüttert wurde. Arguns sind eine Kreuzung aus Yak und Kuh. Die Tiere sind robust in Sachen Witterung, geben aber mit 5 Litern Milch pro Tag deutlich mehr als die Yaks, die es nur auf 2 Liter bringen.

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