Türkei

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Türkei

31 Tage hielt ich mich in der Türkei auf und legte in dieser Zeit 2050 km mit dem Rad zurück. In Edirne kam ich ins Land, befuhr im Wesentlichen die Schwarzmeerregion und verließ das Land im Nordosten, um nach Batumi in Georgien zu fahren.

Die durchfahrenen Landschaften waren recht vielfältig, von Schwarzmeerküste über Mittel- bis Hochgebirge war alles dabei. Es gab viel Landwirtschaft, unbewässert und bewässert, Wald, aber auch trockene, karge Gegenden und natürlich Hirten mit ihren Herden. So vielfältig wie die Landschaften waren auch die Temperaturen, die von 35 Grad im Schatten bis zu frischen 9 Grad Celsius reichten.

Beim Grenzübertritt von Griechenland in die Türkei vollzog sich ziemlich abrupt der kulturelle Übergang zum Orient. Den folgenden Monat prägten eifrige Händler am Straßenrand, Moscheen, Muezzine sowie Karawansereien und ab und an türkische Bäder das Bild der Umgebung.

Ich habe die Leute meist als temperamentvoll, warmherzig und emotional wahrgenommen, ähnlich wie in Rumänien. Die Kontaktfreudigkeit und Gastfreundschaft der Türken war bis dahin unübertroffen. Fast jeder grüßte oder winkte und hieß mich in der Türkei willkommen. Wenn ich irgendwo anhielt, kam jemand herbeigeeilt, um mir seine Hilfe anzubieten. Meist gab es dann Tee, öfter auch eine Einladung zum Essen, manchmal packten sogar Lebensmittelhändler von sich aus noch was zu dem von mir Gekauften dazu. Da die Türken meist recht neugierig sind, nutzten sie den gemeinsamen Teeumtrunk, um mir ein Loch in den Bauch zu fragen, bis die Sprachbarrieren das Ganze regelten.

Es gab einen ausgeprägten Nationalpatriotismus und nahezu auf allen öffentlichen Plätzen und auf jeder Burgruine wehten türkische Fahnen. In jeder Stadt gab es einen Platz oder eine Strasse, die nach dem Staatsgründer Atatürk benannt war. Nirgendwo habe ich so viele Lkw’s fahren sehen wie in der Türkei. Göttern gleich schwebten sie durch die Straßen und jeder Verkehrsteilnehmer machte ehrfürchtig Platz, wenn ein Lkw laut hupend nahte. Wenn kein Platz zum Platz machen war, wurde es oft brenzlig eng.

Die Türkei ist ein sehr vielschichtiges Land, es gibt eine Vielzahl von Ethnien und Sprachen. Der Islam ist in allen denkbaren Facetten anzutreffen. Die Randpunkte bilden Atheismus im großstädtischen Bereich und erzkonservative Anschauungen meist auf dem Land. Die verschiedenen diesbezüglichen Verhaltensweisen der Leute und die damit verknüpften Erwartungen an mich waren anfangs für mich nicht so leicht zu durchschauen Mit der Zeit bekam ich dann aber ein besseres Gespür dafür, wie die jeweiligen Menschen tickten und was sie von mir erwarteten.

Augenscheinlich war natürlich das muslimische Rollenbild der Frau, verbunden mit Kopftuchtragen und einer oft ausgeprägten Scheue und Zurückhaltung gegenüber fremden Männern. Auch hier gab es Abstufungen. Es gibt fromme Musliminnen, die sich westlich kleiden und andere, die sich verschieden stark verhüllen. Ich erlebte Frauen, die sich zu Hause vor mir in der Küche versteckten und welche, die sich mir gegenüber Recht ungezwungen verhielten. Die Türken prophezeien dem Kopftuch in der Türkei das allmähliche Aussterben. Ob es wirklich dazu kommt, sei einmal dahin gestellt. Natürlich gibt es auch ein Verhüllungsgebot für Männer, so sollten die Knie und möglichst auch die Arme bedeckt sein. Vor allem Letzteres wird aber in aller Regel ignoriert.

Wenn ich bei Einheimischen übernachtete, liefen die Hausfrauen zu Hochform auf und bekochten mich mit mehreren Gängen. Das Frühstück war dann immer ähnlich üppig. Meist gab es Joghurt, Oliven, Weißbrot, Gebratenes Ei, Tomaten- oder Haselnusssuppe, Tomaten, Gurken, Schafskäse, gebratenes Huhn oder Hühnersuppe, Rindfleisch, Kuchen und Honig. In den Konditoreien gab es zahlreiche Kuchen- und Konfektarten, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Hier ist es wohl schwer, nicht übergewichtig zu sein oder werden. Tatsächlich sah ich in den Städten viele beleibte Frauen und noch mehr dicke Männer.

Überall im Land wurden Hochzeiten gefeiert. Der Juni ist ein beliebter Hochzeitsmonat und die Feiern finden oft im öffentlichen Raum statt. Wenn ich als Reisender vorbei kam, wurde ich meist dazu gewunken. In Karadeniz, der Schwarzmeerregion, wird bei diesen Gelegenheiten gern und ausgiebig Horon getanzt, ein Kreistanz, dessen Schrittfolge einen Unkundigen schnell zum Schwitzen bringt. Da man auch in den Kreistanz als Reisender sofort integriert wird, habe ich also oft geschwitzt. Bei diesem Tanz gibt es eine Vielzahl von Varianten und Einlagen, die immer von allen Beteiligten synchron getanzt werden. Es war eine Augenweide, den Könnern dabei zuzusehen.

Gespielt wird bei diesen Gelegenheiten Kemençe, ein kleines Streichinstrument. Traditionell wird das Ganze rhythmisch von einer Tef, einer Art Tamburin, begleitet. Heute bedient man sich meist elektronisch generierter Diskobeats. Ein weiteres verbreitetes Instrument ist die Bağlama, ein Seiteninstrument, dessen Stege auf die arabischen Tonleitern mit Vierteltonschritten abgestimmt sind. Gehört hatte ich es in Parks und auf einem Beschneidungsfest.

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Mit dem Fahrrad quer durch Europa und Asien