Reisepause

Reisepause. Wir sitzen in Idaho Falls in einer Wohnung und ueberlegen wie es weitergehen soll. Die letzten Naechte waren bitterkalt gewesen. Hanna hatte nachts im Zelt oft schlecht geschlafen und entsprechend muede waren wir tagsueber. Nach einigen Tagen der Erholung entscheiden wir, dass wir dem Radfahren noch eine Chance geben wollen. Wenn der juengste Kaelteeinbruch vorueber ist, wollen wir weiter Richtung Sueden nach Salt Lake City fahren. Viele Campingplaetze haben jetzt um diese Jahreszeit schon geschlossen und Improvisationstalent ist beim Finden von Trinkwasser und Schlafplaetzen gefragt.

Wir fahren auf einsamen Landstrassen durch weite Taeler, die von wunderschoenen Bergen umrahmt sind. Die Baeume haben Herbstfaerbung angenommen. Wir sind ueberrascht, wie schoen die Gegend hier ist. Doch Hanna schlaeft wieder unruhig. Nach vier Naechten in Folge, in denen Monika kaum Schlaf gefunden hat, ist klar, das es so nicht weitergehen kann. Die vielen Eindruecke in staendig wechselnder Umgebungen, von der Hanna allmaehlich immer mehr mitbekommt, kann sie kaum noch verarbeiten. Entsprechend schlecht schlaeft sie nachts. Selbst, wenn wir nachts in einer warmen Unterkunft schlafen. Monika ist durch die unruhigen Naechte und den Schlafmangel so erschoepft, dass sie tagsueber kaum noch radfahren kann. Wir werden von einem hilfsbereiten Mann mitsamt allem unseren Gepaeck nach Salt Lake City mitgenommen. Dort goennen wir uns abermals eine Ruhepause und ueberlegen, was wir jetzt machen. Nach Hause zurueck wollen wir noch nicht und vor Ort in einer festen Unterkunft zu bleiben ist uns zu langweilig. Und Radfahren geht nicht mehr. Wir beschliessen, uns fuer ein paar Wochen ein Reisemobil auszuleihen und damit weiterzureisen. Auf diese Weise wuerde Hanna nachts, zum Fruehstueck und zum Abendbrot eine konstante Umgebung haben. Und wenn die Temperaturen nachts allzu weit unter null Grad fallen, koennten wir notfalls heizen.

Der Plan geht auf, Hanna schlaeft nachts wieder gut und wir unternehmen tagsueber Wanderungen oder kleine Radtouren. Auf Anthelope Island, einer wilden, urspruenglichen Insel im Salt Lake bei Salt Lake City, gehen wir wandern. Auf den weiten Grashaengen der Insel grasen Bueffel und waehrend des Sonnenauf- und untergangs heulen Kojoten. Wir bereisen das Colorado Plateau, bereisen die Nationalparks Canyonlands, Arches, Zion und Grand Canyon und wandern im Monument Valley. Wir sind beeindruckt von der wunderschoenen Landschaft mit ihren roten Sandsteinfelsen. Hanna entdeckt, dass sie laufen kann, wenn wir sie an den Haenden halten und begeistert uebt sie das Gehen. Wir Eltern muessen uns bei diesen Laufuebungen abwechseln, weil uns irgendwann der Ruecken vom gebueckten Gehen weh tut. Die roten Felsen haben es auch Hanna angetan. Sie versucht ueberall mit viel Mut hochzuklettern und hochzukrabbeln. Wir bewandern den laengsten Slotcanyon der Gegend, eine tiefe rote Felsenschlucht, die so schmal ist, dass man beide Waende mit den Haenden beruehren kann. An den Felswaenden entdecken wir Felszeichnungen und Petroglyphen, die vor fast eintausend Jahren von den Indianern angefertigt wurden, die hier damals lebten. Navajo-Indianer bezeichnen diese Ethnie als Anasazi (Alte Feinde), heutige Wissenschaftler verwenden den Begriff Prehistoric Puebploans (praehistorische Pueblovoelker). Diese Pueblovoelker hatten in einer nahezu wuestenartigen Umgebung und in extremem Klima Ackerbau betrieben, Toepferwaren hergestellt und hatten Pueblos errichtet, Haeuser und ganze Orte aus Stein gebaut, zum Teil an spektakulaeren Orten wie auf oder in schroffen Felswaenden. Ruinen dieser Orte sind bis heute erhalten geblieben. Um das Jahr 1250 verliessen diese Menschen in einem Masssenexodus die Region, um Richtung Sueden zu wandern. Wissenschaftler raetseln bis heute ueber die Ursachen. War eine ungewoehnlich langanhaltende Duerreperiode in dieser Zeit der Grund? Oder kriegerische Nomadenvoelker, die in den Lebensraum der Pueblovoelker einwanderten? So raetselhaft, wie das Verschwinden dieser Menschen ist, um so spannender ist es , die Felszeichnungen und Pueblos zu besichtigen, die diese Menschen hinterlassen haben. An einem Ort, den die Spanier Mesa Verde genannt haben sowie beim Hovenweep und Navajo National Monument besichtigen wir beeindruckende Pueblobauten aus dieser Zeit.

Das Fahren im Reisemobil ist ungewohnt fuer uns. Mehr als einmal ertappe ich mich beim Fahren im Dunkeln mit eingeschalteter Stirnlampe hinter dem Lenkrad. Wir vermissen das Fahrradfahren, das Bergaufstrampeln und Bergabrollen, den Wind um die Nase und die Sonne im Gesicht. Bisher hatten wir uns langsam und kontinuierlich vorwaerts bewegt, jetzt rasen wir fast sprunghaft von Ort zu Ort. Wir fuehlen uns beim Fahren irgendwie abgeschnitten von der Aussenwelt und haben unterwegs deutlich weniger Kontakt zu anderen Menschen. Aber Hanna ist wieder ganz die Alte, ausgeglichen und gluecklich wie noch vor mehreren Wochen. Wir wissen, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben und nennen das Reisemobil scherzhaft rollender Brutkasten.

Nach ein paar Wochen kommen wir in Las Vegas an und entledigen uns unseres rollenden Brutkastens wieder. Von Las Vegas wollen wir Anfang Dezember nach Deutschland zurueckfliegen. Die Stadt  erschlaegt uns mit ihrer Verruecktheit fast. Die vielen grellbunten Leuchtreklamen, Spielhoellen und disneylandartigen Hotelbauten in der Innenstadt mit lauter droehnender Musik auf den Strassen sind ein schriller Kontrast zu den weiten und einsamen Landschaften, durch die wir die letzten fuenf Monate gereist waren. Was wir hier in dieser Stadt wohl noch alles so erleben werden?

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